FAMILIE – eine Handgeschichte

Familie

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Eine Freundin hat neulich zu mir gesagt, sie habe das Gefühl, ich hätte Angst, es würde mir etwas weggenommen. Obwohl mein System diese Aussage mit Vehemenz negiert hat, bin ich damit eine Weile schwanger gegangen und habe es in mir wirken lassen. Wenn sie das so wahrnimmt, kann durchaus etwas dran sein.

Im Yoga hatte ich dann ein initiales Erlebnis. Es wurde ausgelöst indem der Yogalehrer zu Beginn gesagt hat, es gehe in dieser Lektion um das Thema Loslassen. Bei mir war bereits der ganze Monat Januar vom Thema Loslassen geprägt, und wie es mir langsam dämmert, wohl auch das ganze restliche Jahr. 

Still und im Körper ganz präsent mache ich meine Übungen und werde urplötzlich und schlagartig zurück in meine Kindheit katapultiert. Wie in Echtzeit bin ich wirklich dort, sehe, spüre und rieche alles. Jeder Winkel dieser Wohnung, in der ich hauptsächlich aufgewachsen bin, zeigt sich mir im Detail. 

Mein Blick wandert aus dem Fenster meines Zimmers, dahinter mein Beschützerberg. Das dunkle Holz auf dem Balkon und die hellblaue „Gelte“, die da auf der Brüstung steht, voll mit Kaulquappen, die von den Krähen gefressen werden, bevor sie überhaupt ihr ganzes Potential entfalten können. 

Der kleine Wäscheplatz hinter dem Haus und der angrenzende Wald. Eine Kutsche, die zum Kirchli hoch rollt, einen Sarg auf dem Wagen, Menschen, die schweigend hinterher gehen. Auf der Fensterbank die Schoggicreme zum Abkühlen, während drinnen meine Eltern mit Freunden jassen und rauchen.

Ich sehe meine kleine Schwester, wie sie still dasitzt und beobachtet, und ich erkenne plötzlich, dass nicht ich diejenige bin, die etwas nicht hatte, nur weil ich mit ihrem Vater aufgewachsen bin. Alles ist mir immer zugefallen. Gute Noten, Abenteuer, Reisen, Jobs, Freunde, Liebschaften, Kinder. 

Ja, ich bin ein Glückskind! 

Wie ich sie da so vor mir sehe, meine Mama, meinen Papa und meine Schwester, erkenne ich, dass ich schon immer hatte, von was ich dachte, es würde mir genommen. Nämlich eine Familie. Auch wenn beide Väter nicht mehr leben und meine Mama sehr alt ist. (Analog Handanalyse ist „Familie“ meine Lebenslektion.)

Wie in Trance fliesst mein Körper durch die Asanas und Vinyasas, während Tränen über meine Wangen laufen. Tränen der Sehnsucht nach Menschen in einer Zeit, die so nicht mehr ist, und auch Tränen der Freude über die Erkenntnis, dass ich alles habe und alles hatte was ich jemals brauche, um glücklich zu sein. 

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